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Wenn es um Mental Health geht, haben wir gelernt, zuerst nach innen zu schauen.
Wir fragen uns dann zum Beispiel: Schlafe ich genug? Setze ich meine Grenzen? Bewege ich mich ausreichend? Kann ich besser mit Stress umgehen? Brauche ich eine Pause, Coaching oder Therapie?
Gleichzeitig wird eine andere Frage immer wichtiger: Welche Rolle spielen die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten?
Arbeitsbelastung. Ökonomische Sicherheit. Care-Arbeit. Diskriminierung. Entscheidungsmacht. Gesellschaftliche Erwartungen.
Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel.
Doch vielleicht gibt es zwischen diesen beiden Sichtweisen noch etwas, das wir übersehen.
Zwischen dem Einzelnen und dem System gibt es auch das Wir.
Wohlbefinden entsteht nicht nur in uns selbst. Es wächst auch im Miteinander und in den Strukturen, die unser Zusammenleben formen.
Viele Antworten auf Überforderung richten sich zunächst an die einzelne Person.
Bei Stress lernen wir Stressmanagement. Bei Überforderung sollen wir Grenzen setzen. Bei Unsicherheit arbeiten wir an unserer Resilienz. Bei Erschöpfung sollen wir besser regenerieren.
Das Problem ist nicht, dass diese Antworten falsch sind.
Schwierig wird es, wenn das die einzigen Antworten bleiben. Dann wird aus einer schwierigen Situation schnell eine persönliche Aufgabe.
Wenn jemand ständig überlastet ist, fragen wir uns: Wie kann diese Person resilienter werden?
Wir könnten uns aber auch fragen: Warum verlangt diese Situation überhaupt so viel Resilienz von uns?
Die Weltgesundheitsorganisation zählt unter anderem hohe Arbeitsbelastung, geringe Kontrolle über die eigene Arbeit, Arbeitsplatzunsicherheit, Diskriminierung und mangelnde Unterstützung zu den psychosozialen Risiken für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.
Unsere Umgebung ist also keine neutrale Bühne, auf der wir einfach nur für uns selbst sorgen. Die Umgebung beeinflusst uns maßgeblich.
Wenn wir den Blick vom Individuum lösen, landen wir schnell bei Strukturen.
Wer hat Entscheidungsmacht? Wer verfügt über Zeit und Geld? Wer kann es sich leisten, weniger zu arbeiten? Wer übernimmt Care-Arbeit? Wer trägt Risiken? Welche Verhaltensweisen belohnen unsere Institutionen?
Diese Fragen sind entscheidend.
Gerade Care-Arbeit zeigt, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen versuchen, für ihr Wohlbefinden zu sorgen. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen weiterhin Unterschiede darin, wie viel unbezahlte Sorgearbeit in Deutschland übernommen wird.
Der Rat „Setz deine Grenzen" bedeutet etwas anderes für jemanden mit finanzieller Sicherheit und Entscheidungsspielraum als für jemanden, dessen Existenz von genau der Situation abhängt, gegenüber der eine Grenze gesetzt werden müsste.
Wenn wir aber nur zwischen individueller und systemischer Veränderung unterscheiden, übersehen wir vielleicht eine dritte, genauso wichtige Ebene.
Diese Ebene entsteht jeden Tag neu, und wir können sie direkt beeinflussen: unsere Beziehungen zueinander.
Ob ich eine Grenze aussprechen kann, hängt nicht nur davon ab, ob ich gelernt habe, Grenzen zu setzen.
Es hängt auch davon ab, was passiert, wenn ich sie ausspreche. Wird sie respektiert? Muss ich sie verteidigen? Wird mein Gegenüber versuchen, mich umzustimmen? Hat meine Grenze Konsequenzen für unsere Beziehung?
Ob ich mich in einem Team zu Wort komme, hängt nicht nur von meinem Selbstvertrauen ab. Es hängt auch davon ab, ob Widerspruch tatsächlich willkommen ist.
Ob ich um Hilfe bitte, hängt nicht nur davon ab, ob ich „gut darin bin, Hilfe anzunehmen". Es hängt auch davon ab, welche Erfahrungen ich gemacht habe, wenn ich mich anderen Menschen anvertraut habe.
Ob ich mich zugehörig fühle, ist keine Fähigkeit, die ich allein entwickeln kann. Zugehörigkeit braucht andere Menschen.
Damit verschiebt sich die Frage erneut.
Nicht nur: Was brauche ich?
Und nicht nur: Was müsste sich strukturell verändern?
Sondern auch: Welche Art von Beziehungsdynamik und welche sozialen Bedingungen brauchen wir, um kollektives Wohlbefinden zu fördern?
Vertrauen oder Vorsicht? Gegenseitigkeit oder Konkurrenz? Zugehörigkeit oder Ausschluss? Handlungsspielraum oder Abhängigkeit? Neugier oder Bewertung?
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt soziale Verbundenheit als wichtigen Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden und behandelt Einsamkeit und soziale Isolation inzwischen ausdrücklich als Public-Health-Themen.
Unsere Beziehungen sind also nicht bloß die Kulisse unseres Wohlbefindens. Sie gehören zu seinen Bedingungen.
In den letzten Jahren haben wir viel darüber gelernt, unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Meine Grenzen. Meine mentale Gesundheit. Meine Bedürfnisse. Meine Entwicklung.
Das kann befreiend sein.
Aber vielleicht entsteht daraus eine neue Frage: Was machen wir mit all dieser Selbstwahrnehmung, wenn wir einander wieder begegnen?
Denn irgendwann trifft meine Grenze auf deine. Mein Bedürfnis auf dein Bedürfnis. Meine Freiheit auf deine Abhängigkeit. Meine Entscheidung auf die Konsequenzen anderer.
Wohlbefinden und Zugehörigkeit können deshalb nicht ausschließlich ein individuelles Projekt sein. Die Weltgesundheitsorganisation hebt hervor, dass soziale Verbundenheit und unterstützende Umgebungen zentrale Faktoren für die psychische Gesundheit darstellen (World Health Organization, 2025).
Das heißt nicht, dass wir für die psychische Gesundheit anderer verantwortlich sind.
Aber wir beeinflussen ständig die Bedingungen, unter denen andere versuchen, gesund zu leben – als Kollegin oder Kollege, als Führungskraft, als Freund oder Freundin, als Partner, als Teil einer Community oder Organisation.
Deshalb brauchen wir vielleicht nicht nur Self-Care, sondern auch mehr gemeinsame Fürsorge.
Ein Beispiel dafür kann sein: Man bemerkt, dass jemand in Meetings häufig still ist und fragt nach dem Treffen, wie es der Person geht und ob sie Unterstützung braucht. Oder im Freundeskreis achten wir darauf, einander nicht nur zu fragen, was uns selbst guttut, sondern auch darauf, wie wir unser Zusammensein so gestalten, dass sich alle wohlfühlen. Solche kleinen Gesten zeigen, dass Fürsorge etwas ist, das zwischen Menschen entsteht.
Nicht im Sinne von: „Ich muss dafür sorgen, dass es dir immer gut geht.“
Sondern: Ich kann mitgestalten, wie es ist, hier mit anderen zusammen zu sein.
Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, die zentrale Frage noch einmal aufzugreifen und Wohlbefinden nicht nur individuell oder strukturell zu sehen, sondern auf drei miteinander verbundenen Ebenen zu betrachten.
Ich — Was passiert gerade mit mir? Was brauche ich? Wo liegen meine Grenzen? Welche Entscheidungen kann und möchte ich treffen?
Wir — Was passiert zwischen uns? Können wir zuhören? Können wir widersprechen? Werden Grenzen respektiert? Kann jemand seine Meinung ändern? Können wir um Hilfe bitten? Gibt es Vertrauen, Gegenseitigkeit und Zugehörigkeit?
Struktur — Unter welchen Bedingungen findet all das statt? Wer entscheidet? Wer verfügt über Zeit und Ressourcen? Wer trägt Verantwortung und Risiko? Welche Arbeit bleibt unsichtbar? Welche Verhaltensweisen werden belohnt? Und wer kann sich tatsächlich leisten, Nein zu sagen?
Keine dieser Ebenen erklärt alles. Aber jede beeinflusst, was auf den anderen möglich ist.
Nicht jede Schwierigkeit ist strukturell, aber auch nicht jede rein persönlich. Und manches entsteht erst im Miteinander.
Ein neuer Blickwinkel kann schon entstehen, wenn wir eine vertraute Frage erweitern.
Statt: Wie werde ich resilienter?
→ Warum braucht diese Situation so viel Resilienz?
Statt: Wie setze ich bessere Grenzen?
→ Was passiert hier, wenn jemand eine Grenze setzt?
Statt: Wie werde ich selbstbewusster?
→ Ist Widerspruch in diesem Raum tatsächlich möglich?
Statt: Wie reduziere ich meinen Stress?
→ Welche Bedingungen erzeugen ihn immer wieder?
Statt: Warum fühle ich mich nicht zugehörig?
→ Wie stellen wir Zugehörigkeit miteinander her?
Statt: Was stimmt gerade nicht mit mir?
→ Was passiert in mir, zwischen uns und um uns herum?
Das heißt nicht, dass wir unsere persönliche Verantwortung abgeben. Im Gegenteil: Wir können Verantwortung in mehr Bereichen übernehmen.
Ich kann auf mich selbst achten. Ich kann darauf achten, wie ich anderen begegne. Und gemeinsam können wir kritisch reflektieren, wie individuelles Verhalten, zwischenmenschliche Begegnungen und gesellschaftliche Strukturen ineinandergreifen und so kontinuierlich das Umfeld formen, in dem unser Wohlbefinden entsteht.
Um diesen Fragen sicher begegnen zu können, brauchen wir einen Raum, in dem Sicherheit und Zugehörigkeit möglich sind.
Die Forschung zur psychologischen Sicherheit, insbesondere die Arbeit von Amy Edmondson, beschäftigt sich mit Umgebungen, in denen Menschen zwischenmenschliche Risiken eingehen können: eine Frage stellen, einen Fehler eingestehen, Bedenken äußern oder widersprechen, ohne dafür abgewertet zu werden.
Aber wie entsteht so ein Raum?
Vielleicht ist es eher eine Praxis als ein physischer Raum: der bewusste Versuch, Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen wahrnehmen, sprechen, hinterfragen und entscheiden können.
Das kann in einem Workshop passieren. Aber genauso in einem Teammeeting. In einer Freundschaft. In einer Community. In einer Organisation. Oder in der Art, wie wir eine Entscheidung treffen.
Eine sichere Umgebung wäre dann kein geschützter Ort abseits der Welt. Er wäre eine Möglichkeit, die Räume und Beziehungen, in denen wir ohnehin leben und arbeiten, bewusster miteinander zu gestalten.
Vielleicht ist ein Raum, in dem Widerspruch erlaubt ist, sogar sicherer als einer, in dem alle nur auf Harmonie achten.
Das Wir entsteht immer wieder in kleinen Augenblicken.
Wenn wir unsere Wahrnehmung dafür schärfen, wie unsere Beziehungen gestaltet sind und wie wir uns gegenseitig beeinflussen, wird die zentrale Frage klarer: Wie stehen wir wirklich zueinander, und wie prägen diese Wechselwirkungen unser gemeinsames Handeln? Wenn wir uns bewusst mit diesen Dynamiken beschäftigen, können neue Wege für gemeinsames Wohlbefinden entstehen.
Aus diesen Überlegungen ist das Projekt SafeSpace entstanden.
Nicht als Antwort auf Mental Health. Nicht als Ersatz für Therapie oder professionelle psychologische Unterstützung. Und auch nicht mit der Vorstellung, dass ein Workshop gesellschaftliche Strukturen verändern kann.
SafeSpace ist zunächst ein Experimentierraum, der die zwischenmenschlichen und strukturellen Voraussetzungen für Wohlbefinden erfahrbar und gestaltbar machen will. Teilnehmende in einem geschützten Rahmen erforschen, wie kollektives Handeln die Bedingungen für Sicherheit, Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung entfalten kann. Dies kann durch Übungen zur achtsamen Kommunikation, Sharing-Runden ohne Leistungsdruck sowie offene Gespräche über Bedürfnisse, Grenzen und Erwartungen erfolgen. So wollen wir individuelle Wahrnehmungen in konkrete gemeinschaftliche Erfahrungen überführen, um kollektive Praktiken des Miteinanders entstehen zu lassen.
Mit unserem ersten Format, Nothing to Perform, haben wir mit einer sehr einfachen Frage begonnen: Was passiert, wenn wir für eine Weile nichts leisten, darstellen oder erreichen müssen?
Was passiert in mir, wenn nichts von mir erwartet wird?
Was passiert zwischen uns, wenn niemand etwas darstellen muss?
Und welche Bedingungen brauchen wir, damit ein solcher Raum überhaupt entstehen kann?
Damit tauchen dieselben drei Ebenen wieder auf: Ich. Wir. Struktur.
Vielleicht verändern wir mit unserem Projekt noch keine gesellschaftlichen Strukturen. Aber durch Workshops, Gespräche und Gemeinschaft können neue Formen der Zusammenarbeit entstehen – vielleicht sogar Dinge, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.
Letztlich geht es nicht um einen geschützten Raum, sondern darum, was wir konkret tun können, um uns gemeinschaftlich zu entfalten und gegenseitig zu stärken, mit der übergeordneten Frage:
Welche konkreten Bedingungen können wir selbst schaffen, um Wohlbefinden, Selbstbestimmung, Verbundenheit und Teilhabe tatsächlich zu fördern und zu ermöglichen?
Vielleicht haben wir gelernt, nach innen zu schauen.
Vielleicht beginnen wir gerade, stärker auf die Strukturen um uns herum zu schauen.
Aber dazwischen gibt es eine Ebene, die wir jeden Tag gemeinsam gestalten.
Das Wir.
Und vielleicht beginnt genau dort eine neue Frage zu Mental Health:
Nicht nur: Was muss ich an mir verändern?
Nicht nur: Was muss sich im System verändern?
Sondern auch: Wie wollen wir einander begegnen?
SEO-Titel (separat, für Google): Mental Health: Wie Beziehungen und Strukturen unser Wohlbefinden prägen

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Wenn es um Mental Health geht, haben wir gelernt, zuerst nach innen zu schauen.
Wir fragen uns dann zum Beispiel: Schlafe ich genug? Setze ich meine Grenzen? Bewege ich mich ausreichend? Kann ich besser mit Stress umgehen? Brauche ich eine Pause, Coaching oder Therapie?
Gleichzeitig wird eine andere Frage immer wichtiger: Welche Rolle spielen die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten?
Arbeitsbelastung. Ökonomische Sicherheit. Care-Arbeit. Diskriminierung. Entscheidungsmacht. Gesellschaftliche Erwartungen.
Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel.
Doch vielleicht gibt es zwischen diesen beiden Sichtweisen noch etwas, das wir übersehen.
Zwischen dem Einzelnen und dem System gibt es auch das Wir.
Wohlbefinden entsteht nicht nur in uns selbst. Es wächst auch im Miteinander und in den Strukturen, die unser Zusammenleben formen.
Viele Antworten auf Überforderung richten sich zunächst an die einzelne Person.
Bei Stress lernen wir Stressmanagement. Bei Überforderung sollen wir Grenzen setzen. Bei Unsicherheit arbeiten wir an unserer Resilienz. Bei Erschöpfung sollen wir besser regenerieren.
Das Problem ist nicht, dass diese Antworten falsch sind.
Schwierig wird es, wenn das die einzigen Antworten bleiben. Dann wird aus einer schwierigen Situation schnell eine persönliche Aufgabe.
Wenn jemand ständig überlastet ist, fragen wir uns: Wie kann diese Person resilienter werden?
Wir könnten uns aber auch fragen: Warum verlangt diese Situation überhaupt so viel Resilienz von uns?
Die Weltgesundheitsorganisation zählt unter anderem hohe Arbeitsbelastung, geringe Kontrolle über die eigene Arbeit, Arbeitsplatzunsicherheit, Diskriminierung und mangelnde Unterstützung zu den psychosozialen Risiken für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.
Unsere Umgebung ist also keine neutrale Bühne, auf der wir einfach nur für uns selbst sorgen. Die Umgebung beeinflusst uns maßgeblich.
Wenn wir den Blick vom Individuum lösen, landen wir schnell bei Strukturen.
Wer hat Entscheidungsmacht? Wer verfügt über Zeit und Geld? Wer kann es sich leisten, weniger zu arbeiten? Wer übernimmt Care-Arbeit? Wer trägt Risiken? Welche Verhaltensweisen belohnen unsere Institutionen?
Diese Fragen sind entscheidend.
Gerade Care-Arbeit zeigt, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen versuchen, für ihr Wohlbefinden zu sorgen. Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen weiterhin Unterschiede darin, wie viel unbezahlte Sorgearbeit in Deutschland übernommen wird.
Der Rat „Setz deine Grenzen" bedeutet etwas anderes für jemanden mit finanzieller Sicherheit und Entscheidungsspielraum als für jemanden, dessen Existenz von genau der Situation abhängt, gegenüber der eine Grenze gesetzt werden müsste.
Wenn wir aber nur zwischen individueller und systemischer Veränderung unterscheiden, übersehen wir vielleicht eine dritte, genauso wichtige Ebene.
Diese Ebene entsteht jeden Tag neu, und wir können sie direkt beeinflussen: unsere Beziehungen zueinander.
Ob ich eine Grenze aussprechen kann, hängt nicht nur davon ab, ob ich gelernt habe, Grenzen zu setzen.
Es hängt auch davon ab, was passiert, wenn ich sie ausspreche. Wird sie respektiert? Muss ich sie verteidigen? Wird mein Gegenüber versuchen, mich umzustimmen? Hat meine Grenze Konsequenzen für unsere Beziehung?
Ob ich mich in einem Team zu Wort komme, hängt nicht nur von meinem Selbstvertrauen ab. Es hängt auch davon ab, ob Widerspruch tatsächlich willkommen ist.
Ob ich um Hilfe bitte, hängt nicht nur davon ab, ob ich „gut darin bin, Hilfe anzunehmen". Es hängt auch davon ab, welche Erfahrungen ich gemacht habe, wenn ich mich anderen Menschen anvertraut habe.
Ob ich mich zugehörig fühle, ist keine Fähigkeit, die ich allein entwickeln kann. Zugehörigkeit braucht andere Menschen.
Damit verschiebt sich die Frage erneut.
Nicht nur: Was brauche ich?
Und nicht nur: Was müsste sich strukturell verändern?
Sondern auch: Welche Art von Beziehungsdynamik und welche sozialen Bedingungen brauchen wir, um kollektives Wohlbefinden zu fördern?
Vertrauen oder Vorsicht? Gegenseitigkeit oder Konkurrenz? Zugehörigkeit oder Ausschluss? Handlungsspielraum oder Abhängigkeit? Neugier oder Bewertung?
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt soziale Verbundenheit als wichtigen Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden und behandelt Einsamkeit und soziale Isolation inzwischen ausdrücklich als Public-Health-Themen.
Unsere Beziehungen sind also nicht bloß die Kulisse unseres Wohlbefindens. Sie gehören zu seinen Bedingungen.
In den letzten Jahren haben wir viel darüber gelernt, unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Meine Grenzen. Meine mentale Gesundheit. Meine Bedürfnisse. Meine Entwicklung.
Das kann befreiend sein.
Aber vielleicht entsteht daraus eine neue Frage: Was machen wir mit all dieser Selbstwahrnehmung, wenn wir einander wieder begegnen?
Denn irgendwann trifft meine Grenze auf deine. Mein Bedürfnis auf dein Bedürfnis. Meine Freiheit auf deine Abhängigkeit. Meine Entscheidung auf die Konsequenzen anderer.
Wohlbefinden und Zugehörigkeit können deshalb nicht ausschließlich ein individuelles Projekt sein. Die Weltgesundheitsorganisation hebt hervor, dass soziale Verbundenheit und unterstützende Umgebungen zentrale Faktoren für die psychische Gesundheit darstellen (World Health Organization, 2025).
Das heißt nicht, dass wir für die psychische Gesundheit anderer verantwortlich sind.
Aber wir beeinflussen ständig die Bedingungen, unter denen andere versuchen, gesund zu leben – als Kollegin oder Kollege, als Führungskraft, als Freund oder Freundin, als Partner, als Teil einer Community oder Organisation.
Deshalb brauchen wir vielleicht nicht nur Self-Care, sondern auch mehr gemeinsame Fürsorge.
Ein Beispiel dafür kann sein: Man bemerkt, dass jemand in Meetings häufig still ist und fragt nach dem Treffen, wie es der Person geht und ob sie Unterstützung braucht. Oder im Freundeskreis achten wir darauf, einander nicht nur zu fragen, was uns selbst guttut, sondern auch darauf, wie wir unser Zusammensein so gestalten, dass sich alle wohlfühlen. Solche kleinen Gesten zeigen, dass Fürsorge etwas ist, das zwischen Menschen entsteht.
Nicht im Sinne von: „Ich muss dafür sorgen, dass es dir immer gut geht.“
Sondern: Ich kann mitgestalten, wie es ist, hier mit anderen zusammen zu sein.
Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, die zentrale Frage noch einmal aufzugreifen und Wohlbefinden nicht nur individuell oder strukturell zu sehen, sondern auf drei miteinander verbundenen Ebenen zu betrachten.
Ich — Was passiert gerade mit mir? Was brauche ich? Wo liegen meine Grenzen? Welche Entscheidungen kann und möchte ich treffen?
Wir — Was passiert zwischen uns? Können wir zuhören? Können wir widersprechen? Werden Grenzen respektiert? Kann jemand seine Meinung ändern? Können wir um Hilfe bitten? Gibt es Vertrauen, Gegenseitigkeit und Zugehörigkeit?
Struktur — Unter welchen Bedingungen findet all das statt? Wer entscheidet? Wer verfügt über Zeit und Ressourcen? Wer trägt Verantwortung und Risiko? Welche Arbeit bleibt unsichtbar? Welche Verhaltensweisen werden belohnt? Und wer kann sich tatsächlich leisten, Nein zu sagen?
Keine dieser Ebenen erklärt alles. Aber jede beeinflusst, was auf den anderen möglich ist.
Nicht jede Schwierigkeit ist strukturell, aber auch nicht jede rein persönlich. Und manches entsteht erst im Miteinander.
Ein neuer Blickwinkel kann schon entstehen, wenn wir eine vertraute Frage erweitern.
Statt: Wie werde ich resilienter?
→ Warum braucht diese Situation so viel Resilienz?
Statt: Wie setze ich bessere Grenzen?
→ Was passiert hier, wenn jemand eine Grenze setzt?
Statt: Wie werde ich selbstbewusster?
→ Ist Widerspruch in diesem Raum tatsächlich möglich?
Statt: Wie reduziere ich meinen Stress?
→ Welche Bedingungen erzeugen ihn immer wieder?
Statt: Warum fühle ich mich nicht zugehörig?
→ Wie stellen wir Zugehörigkeit miteinander her?
Statt: Was stimmt gerade nicht mit mir?
→ Was passiert in mir, zwischen uns und um uns herum?
Das heißt nicht, dass wir unsere persönliche Verantwortung abgeben. Im Gegenteil: Wir können Verantwortung in mehr Bereichen übernehmen.
Ich kann auf mich selbst achten. Ich kann darauf achten, wie ich anderen begegne. Und gemeinsam können wir kritisch reflektieren, wie individuelles Verhalten, zwischenmenschliche Begegnungen und gesellschaftliche Strukturen ineinandergreifen und so kontinuierlich das Umfeld formen, in dem unser Wohlbefinden entsteht.
Um diesen Fragen sicher begegnen zu können, brauchen wir einen Raum, in dem Sicherheit und Zugehörigkeit möglich sind.
Die Forschung zur psychologischen Sicherheit, insbesondere die Arbeit von Amy Edmondson, beschäftigt sich mit Umgebungen, in denen Menschen zwischenmenschliche Risiken eingehen können: eine Frage stellen, einen Fehler eingestehen, Bedenken äußern oder widersprechen, ohne dafür abgewertet zu werden.
Aber wie entsteht so ein Raum?
Vielleicht ist es eher eine Praxis als ein physischer Raum: der bewusste Versuch, Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen wahrnehmen, sprechen, hinterfragen und entscheiden können.
Das kann in einem Workshop passieren. Aber genauso in einem Teammeeting. In einer Freundschaft. In einer Community. In einer Organisation. Oder in der Art, wie wir eine Entscheidung treffen.
Eine sichere Umgebung wäre dann kein geschützter Ort abseits der Welt. Er wäre eine Möglichkeit, die Räume und Beziehungen, in denen wir ohnehin leben und arbeiten, bewusster miteinander zu gestalten.
Vielleicht ist ein Raum, in dem Widerspruch erlaubt ist, sogar sicherer als einer, in dem alle nur auf Harmonie achten.
Das Wir entsteht immer wieder in kleinen Augenblicken.
Wenn wir unsere Wahrnehmung dafür schärfen, wie unsere Beziehungen gestaltet sind und wie wir uns gegenseitig beeinflussen, wird die zentrale Frage klarer: Wie stehen wir wirklich zueinander, und wie prägen diese Wechselwirkungen unser gemeinsames Handeln? Wenn wir uns bewusst mit diesen Dynamiken beschäftigen, können neue Wege für gemeinsames Wohlbefinden entstehen.
Aus diesen Überlegungen ist das Projekt SafeSpace entstanden.
Nicht als Antwort auf Mental Health. Nicht als Ersatz für Therapie oder professionelle psychologische Unterstützung. Und auch nicht mit der Vorstellung, dass ein Workshop gesellschaftliche Strukturen verändern kann.
SafeSpace ist zunächst ein Experimentierraum, der die zwischenmenschlichen und strukturellen Voraussetzungen für Wohlbefinden erfahrbar und gestaltbar machen will. Teilnehmende in einem geschützten Rahmen erforschen, wie kollektives Handeln die Bedingungen für Sicherheit, Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung entfalten kann. Dies kann durch Übungen zur achtsamen Kommunikation, Sharing-Runden ohne Leistungsdruck sowie offene Gespräche über Bedürfnisse, Grenzen und Erwartungen erfolgen. So wollen wir individuelle Wahrnehmungen in konkrete gemeinschaftliche Erfahrungen überführen, um kollektive Praktiken des Miteinanders entstehen zu lassen.
Mit unserem ersten Format, Nothing to Perform, haben wir mit einer sehr einfachen Frage begonnen: Was passiert, wenn wir für eine Weile nichts leisten, darstellen oder erreichen müssen?
Was passiert in mir, wenn nichts von mir erwartet wird?
Was passiert zwischen uns, wenn niemand etwas darstellen muss?
Und welche Bedingungen brauchen wir, damit ein solcher Raum überhaupt entstehen kann?
Damit tauchen dieselben drei Ebenen wieder auf: Ich. Wir. Struktur.
Vielleicht verändern wir mit unserem Projekt noch keine gesellschaftlichen Strukturen. Aber durch Workshops, Gespräche und Gemeinschaft können neue Formen der Zusammenarbeit entstehen – vielleicht sogar Dinge, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.
Letztlich geht es nicht um einen geschützten Raum, sondern darum, was wir konkret tun können, um uns gemeinschaftlich zu entfalten und gegenseitig zu stärken, mit der übergeordneten Frage:
Welche konkreten Bedingungen können wir selbst schaffen, um Wohlbefinden, Selbstbestimmung, Verbundenheit und Teilhabe tatsächlich zu fördern und zu ermöglichen?
Vielleicht haben wir gelernt, nach innen zu schauen.
Vielleicht beginnen wir gerade, stärker auf die Strukturen um uns herum zu schauen.
Aber dazwischen gibt es eine Ebene, die wir jeden Tag gemeinsam gestalten.
Das Wir.
Und vielleicht beginnt genau dort eine neue Frage zu Mental Health:
Nicht nur: Was muss ich an mir verändern?
Nicht nur: Was muss sich im System verändern?
Sondern auch: Wie wollen wir einander begegnen?
SEO-Titel (separat, für Google): Mental Health: Wie Beziehungen und Strukturen unser Wohlbefinden prägen
