Die blinden Flecken der Transformation: Warum wir den verdeckten Klassismus überwinden müssen

Veröffentlicht am
August 28, 2026
von
Torsten Därr

Die Debatte um die sozial-ökologische Transformation leidet unter einer weit verbreiteten Kurzsichtigkeit: Klassismus wird als strukturelles Diskriminierungsmerkmal häufig übersehen. Selbst in der akademischen Transformationsforschung, der Psychologie und der Soziologie ist der Begriff und das dahinterliegende Phänomen für viele Forschende überraschend neu oder unzureichend greifbar. So räumen selbst promovierte Forschende in Transformationsnetzwerken ein, das Konzept des Klassismus kaum zu kennen und gesellschaftliche Unterschiede lieber in milieuspezifische Kategorien einzusortieren. Während in theoretischen Zirkeln über neue Wirtschaftsformen debattiert wird, entsteht zeitgleich ein prekarisiertes akademisches Feld: Unzählige Hochschulabsolventinnen starten ihre Laufbahn in staatlicher Grundsicherung und erleben bürokratische Stigmatisierung im Jobcenter. Die Abstraktion der Wissenschaft erreicht diejenigen nicht, die im Alltag gegen ökonomische Barrieren kämpfen.  

Das Sprachphänomen „Auf Augenhöhe“ als Symptom

Ein verräterisches Indiz für diese strukturelle Schieflage findet sich in der Sprache: Fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum wird gebetsmühlenartig gefordert, miteinander „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren. Dass dieser Ausdruck überhaupt ständiger Beschwörung bedarf, offenbart das zugrundeliegende Problem: Eine Begegnung auf gleicher Stufe ist im von Titeln, Zeugnissen und Hierarchien geprägten Sprachraum eben keine Selbstverständlichkeit, sondern die bewusste Ausnahme. In Kulturräumen mit geringerer Machtdistanz (low power distance) wie im englischsprachigen Raum ist die prinzipielle Gleichrangigkeit im beruflichen Miteinander fester verankert, ohne dass sie erst rhetorisch eingefordert werden muss.

Verschachtelte Wurzeln: Patriarchat, Ageism und Ableism

Klassismus wirkt nicht isoliert. Er ist das direkte Produkt historisch gewachsener patriarchaler Machtstrukturen, von Konzern-Lobbyismus und einer rein verwertungsorientierten Ökonomie. Er verbindet sich systematisch mit weiteren Exklusionsformen:

  • Ageism (Altersdiskriminierung): Wo der Gen Z pauschal die Urteilskraft oder älteren Menschen die Innovationsfähigkeit abgesprochen wird.
  • Ableism: Wo der Wert einer Person starr an ihrer lückenlosen Leistungsfähigkeit im neoliberalen Verwertungsprozess bemessen wird.

Praxisbeispiele: Wenn Statusgrenzen fallen

Dass das Durchbrechen dieser Hierarchien im Alltag gelingen kann, zeigen reale Gegenbeispiele:

  • Mira Lux & Kristan S. (Dow Chemical): M., eine junge Vertreterin der Gen Z, begegnete Kristan S., einer Top-Executive des Chemiekonzerns Dow Chemical, nicht nur auf Augenhöhe. Kristan akzeptierte Mira uneingeschränkt als fachlich kompetente Sprach- und Kommunikationstrainerin sowie als Coach. Hier zählte nicht die formelle Hierarchie auf dem Papier, sondern die tatsächliche Qualität der menschlichen und fachlichen Zusammenarbeit.
  • Dialog in der Rechtspraxis: Ein hochangesehener Leipziger Rechtsanwalt, der regelmäßig als Experte in bundesweiten Medien auftritt, investiert kontinuierlich Zeit in den direkten Austausch mit Initiator:innen der lokalen Transformation. Obwohl beide Seiten auf der formalen gesellschaftlichen Statusskala Trennlinien aufweisen, findet das Gespräch ohne standesgemäße Dünkel statt.

GemÖk und Pay-What-You-Can als Systemantwort

In einer Neuen Gemeinwohl-Ökonomie darf es keinen Platz für neoliberalen Klassismus geben. Werkzeuge wie die Gemeinsame Ökonomie (GemÖk) und Pay What You Can (PWYC) wirken als reale Klassismus-Killer. Indem feste Marktpreise durch transparente Beitragsrunden und flexible Tauschmodelle ersetzt werden, entkoppeln wir gesellschaftliche Teilhabe vom Geldbeutel, bauen tragfähige „Wertebrücken“ und schaffen geschützte Räume der gegenseitigen Absicherung.  

Die blinden Flecken der Transformation: Warum wir den verdeckten Klassismus überwinden müssen

Veröffentlicht am
August 28, 2026
von
Torsten Därr

Die Debatte um die sozial-ökologische Transformation leidet unter einer weit verbreiteten Kurzsichtigkeit: Klassismus wird als strukturelles Diskriminierungsmerkmal häufig übersehen. Selbst in der akademischen Transformationsforschung, der Psychologie und der Soziologie ist der Begriff und das dahinterliegende Phänomen für viele Forschende überraschend neu oder unzureichend greifbar. So räumen selbst promovierte Forschende in Transformationsnetzwerken ein, das Konzept des Klassismus kaum zu kennen und gesellschaftliche Unterschiede lieber in milieuspezifische Kategorien einzusortieren. Während in theoretischen Zirkeln über neue Wirtschaftsformen debattiert wird, entsteht zeitgleich ein prekarisiertes akademisches Feld: Unzählige Hochschulabsolventinnen starten ihre Laufbahn in staatlicher Grundsicherung und erleben bürokratische Stigmatisierung im Jobcenter. Die Abstraktion der Wissenschaft erreicht diejenigen nicht, die im Alltag gegen ökonomische Barrieren kämpfen.  

Das Sprachphänomen „Auf Augenhöhe“ als Symptom

Ein verräterisches Indiz für diese strukturelle Schieflage findet sich in der Sprache: Fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum wird gebetsmühlenartig gefordert, miteinander „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren. Dass dieser Ausdruck überhaupt ständiger Beschwörung bedarf, offenbart das zugrundeliegende Problem: Eine Begegnung auf gleicher Stufe ist im von Titeln, Zeugnissen und Hierarchien geprägten Sprachraum eben keine Selbstverständlichkeit, sondern die bewusste Ausnahme. In Kulturräumen mit geringerer Machtdistanz (low power distance) wie im englischsprachigen Raum ist die prinzipielle Gleichrangigkeit im beruflichen Miteinander fester verankert, ohne dass sie erst rhetorisch eingefordert werden muss.

Verschachtelte Wurzeln: Patriarchat, Ageism und Ableism

Klassismus wirkt nicht isoliert. Er ist das direkte Produkt historisch gewachsener patriarchaler Machtstrukturen, von Konzern-Lobbyismus und einer rein verwertungsorientierten Ökonomie. Er verbindet sich systematisch mit weiteren Exklusionsformen:

  • Ageism (Altersdiskriminierung): Wo der Gen Z pauschal die Urteilskraft oder älteren Menschen die Innovationsfähigkeit abgesprochen wird.
  • Ableism: Wo der Wert einer Person starr an ihrer lückenlosen Leistungsfähigkeit im neoliberalen Verwertungsprozess bemessen wird.

Praxisbeispiele: Wenn Statusgrenzen fallen

Dass das Durchbrechen dieser Hierarchien im Alltag gelingen kann, zeigen reale Gegenbeispiele:

  • Mira Lux & Kristan S. (Dow Chemical): M., eine junge Vertreterin der Gen Z, begegnete Kristan S., einer Top-Executive des Chemiekonzerns Dow Chemical, nicht nur auf Augenhöhe. Kristan akzeptierte Mira uneingeschränkt als fachlich kompetente Sprach- und Kommunikationstrainerin sowie als Coach. Hier zählte nicht die formelle Hierarchie auf dem Papier, sondern die tatsächliche Qualität der menschlichen und fachlichen Zusammenarbeit.
  • Dialog in der Rechtspraxis: Ein hochangesehener Leipziger Rechtsanwalt, der regelmäßig als Experte in bundesweiten Medien auftritt, investiert kontinuierlich Zeit in den direkten Austausch mit Initiator:innen der lokalen Transformation. Obwohl beide Seiten auf der formalen gesellschaftlichen Statusskala Trennlinien aufweisen, findet das Gespräch ohne standesgemäße Dünkel statt.

GemÖk und Pay-What-You-Can als Systemantwort

In einer Neuen Gemeinwohl-Ökonomie darf es keinen Platz für neoliberalen Klassismus geben. Werkzeuge wie die Gemeinsame Ökonomie (GemÖk) und Pay What You Can (PWYC) wirken als reale Klassismus-Killer. Indem feste Marktpreise durch transparente Beitragsrunden und flexible Tauschmodelle ersetzt werden, entkoppeln wir gesellschaftliche Teilhabe vom Geldbeutel, bauen tragfähige „Wertebrücken“ und schaffen geschützte Räume der gegenseitigen Absicherung.