
Mein Vater wurde 1932 geboren, hat den Nationalsozialismus noch als Kind miterlebt und war später in der DDR Parteisekretär, Russischlehrer und Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) an unserer Schule. Er war tief engagiert im Kampf gegen den Faschismus, las Ostrowski auf Russisch und pflegte Kontakte zu sowjetischen Militärangehörigen. Das war die eine Seite. Die andere Seite war der enorme Druck durch das Lehrerkollektiv und den autoritären Schulleiter.
Mein Vater brauchte ein Ventil, um diesem Druck zu entkommen. In unserem Wohnblock in Neuhausen im Erzgebirge richtete er sich unten im Keller eine kleine Fotodunkelkammer ein. Das war sein ganz persönlicher Safe Space. Um die vorgegebenen Quoten bei der Mitgliederwerbung für die DSF zu erfüllen und gleichzeitig junge Menschen zu inspirieren, gründete er privat und halboffiziell eine Arbeitsgemeinschaft Foto für die Jugendlichen des Ortes. Er schuf einen Ort abseits der staatlichen Kontrolle, an dem Jugendliche lernen konnten, die Welt durch ihre eigene Linse zu betrachten.
