
Der Mut des Anti Hustle Clubs von Cristina Lopez und Laura Bottin weckt in mir eine alte Erinnerung aus der Zeit kurz vor der Wende im Erzgebirge – vermutlich im Winter 1987 oder 1988. Ich war als Teenager mit meiner Mutter im Trabant unterwegs in Richtung der damaligen Tschechoslowakei. Im Wald nahe dem Grenzübergang Reitzenhain entdeckte ich ein geparktes Militärfahrzeug der Sowjetarmee.
Da ich Russisch lernte und unbedingt mit Muttersprachlerinnen sprechen wollte, bat ich meine Mutter anzuhalten. Ich klopfte an den Mannschaftswagen, aus dem Rauch aufstieg. Ein sowjetischer Soldat öffnete, musterte uns kurz und bat uns direkt hinein in die Wärme. Drinnen saß eine kleine Gruppe von Soldaten um einen Ofen. Der Unteroffizier erzählte mir ganz offen von ihrer Aufgabe: Sie sollten Angehörige der sowjetischen Garnison abfangen, die versuchten, über die Grenze zu fliehen.
In den 1980ern bedeutete Fahnenflucht im sowjetischen Militär das sichere Todesurteil. Doch der Soldat erklärte ganz ruhig, dass unter Gorbatschow klar war: Die Diktatur ist vorbei. Die Soldaten im Wald dachten nicht im Traum daran, fliehende Kameraden aufzuspüren und dem Militär vor die Füße zu werfen. Им было наплевать.
Während das SED-Regime in der DDR noch verzweifelt versuchte, die Macht mit Härte aufrechtzuerhalten, war an der Basis längst die Befehlsverweigerung eingekehrt. Diese Soldaten verweigerten leise den Gehorsam und schenkten ihren Kameraden die Freiheit – ziviler Ungehorsam auf allerhöchster menschlicher Ebene.
