
Warum fällt es uns eigentlich so verdammt schwer, aus kranken Systemen auszusteigen? Wenn man tiefer darüber nachdenkt, wie wir sozialisiert wurden, stößt man auf ein tief sitzendes anthropologisches Phänomen: Über Hunderttausende von Jahren lebten Menschen in kleinen Stammesschichten von maximal 150 Personen.
Wer sich damals nicht an die Regeln der Gemeinschaft hielt oder mit den Mitgliedern aneinandergeriet, wurde verstoßen. Und der Ausschluss aus der Gruppe bedeutete in der Wildnis den sicheren Tod. Diese Existenzangst – das Gefühl, dass wir sterben oder verhungern, wenn wir nicht tun, was Arbeitgeberinnen oder die Mehrheit vorgeben – ist tief in unserer Biologie eingebrannt und über Generationen vererbt worden.
Verstärkt wird dieses Angstsystem durch die Politik und ein Wirtschaftssystem, das uns vorgaukelt, dass eine Person nur dann einen Wert besitzt, wenn sie Leistung erbringt. Leistung wird dabei rein ökonomisch definiert: Umsatz steigern, zum Bruttosozialprodukt beitragen, Börsenwerte bedienen. Niemand hinterfragt, wo die menschlichen Werte bleiben. Es geht um Machtstrukturen und darum, dass einige wenige Männer das Sagen behalten. Wer da nicht mitspielt, kriegt die Drohung zu spüren:
„Dann sieh zu, wo du landest – wahrscheinlich auf der Straße.“
