
Wer heute in Leipzig an der „Runden Ecke“ – dem ehemaligen Stasi-Museum – steht und den Blick etwa 50 bis 60 Meter nach links Richtung „Blechbüchse“ schweifen lässt, sieht direkt innerhalb des Innenstadtrings eine begrünte Fläche. Dort haben wohnungslose Menschen mehrere Zelte aufgeschlagen. Die Polizei hat bereits versucht, das provisorische Lager zu räumen und die Betroffenen zu vertreiben – bislang ohne Erfolg. Ob es der Stadtgesellschaft gefällt oder nicht: Auch diese Menschen gehören zu Leipzig.
An diesem Punkt richtet sich eine zentrale Frage direkt an Prof. Dr. Timo Meynhardt und die Initiatoren des „Gemeinwohl-Parlaments Leipzig“: Eine Gesellschaft funktioniert wie eine Kette – und jede Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Das Gemeinwohl-Parlament tagt und agiert mitten im Zentrum. Habt ihr euch jemals mit den Menschen in diesen Zelten unterhalten? Existieren sie in eurer Wahrnehmung überhaupt, oder werden sie aus eurer Definition von Gemeinwohl stillschweigend ausgeklammert? Bislang ist von eurer Seite dazu absolut nichts zu sehen oder zu hören.
Noch schärfer wird dieser Kontrast, wenn man bedenkt, wie sehr sich die Stadt Leipzig jüngst für das sogenannte Festival „Gutes Leben Leipzig“ selbst gefeiert hat. Im Zuge dieser groß angelegten Public-Relations-Veranstaltung trat auch Christian Felber in Leipzig auf und ließ sich gemeinsam mit Timo Meynhardt auf der Bühne beklatschen. Doch hat Christian Felber bei seinem Besuch auch nur einen Fuß zu den Menschen gesetzt, die wenige hundert Meter weiter in Zelten leben? Und wie lautet seine konkrete Antwort – was ist seine Vorstellung einer Gemeinwohl-Ökonomie für genau diese Menschen am untersten Ende der Kette?
Gemeinwohl, das im warmen Konferenzsaal als akademisches Prestigeprojekt oder städtisches PR-Event zelebriert wird, während vor der Tür die Schwächsten durch das Raster fallen, entlarvt sich selbst als elitäre Fassade.
Welchen systemischen Widerspruch legt der Text am Beispiel des „Gemeinwohl-Parlaments Leipzig“ und des Festivals „Gutes Leben Leipzig“ offen?
A) Dass die Stadt Leipzig sämtliche Grünflächen im Innenstadtring vollständig betonieren lässt.
B) Die Kluft zwischen elitärer Selbstinszenierung auf PR-Bühnen (mit Akteuren wie Timo Meynhardt und Christian Felber) und dem realen Ignorieren der schwächsten Gesellschaftsmitglieder wie den Obdachlosen direkt vor Ort.
C) Dass das ehemalige Stasi-Museum „Runde Ecke“ keine historischen Führungen mehr anbietet.
D) Dass wirtschaftswissenschaftliche Professoren gesetzlich nicht an Bürgerdialogen teilnehmen dürfen.
💡 Auflösung: Richtig ist B. Eine Gesellschaft ist wie eine Kette nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Wenn Gemeinwohl-Initiativen auf PR-Veranstaltungen gefeiert werden, aber die unmittelbar sichtbare Not wohnungsloser Menschen im selben Stadtzentrum ausblenden, verkommt der Begriff zur hohlen Phrase.
