
Im August habe ich am querfeministischen Wochenende des Konzeptwerks Neue Ökonomie in Torgau teilgenommen. Ich habe lange gebraucht, um die Eindrücke zu verarbeiten. Positiver Vibe kam bei mir kaum auf.
Ich hatte mich für das Awareness-Team gemeldet. Das wurde mir verwehrt, weil ich kein „Awareness-Zertifikat“ vorgelegt habe. Dabei war das Wochenende völlig ruhig, gemütlich und ohne Konflikte. Man hätte mich problemlos im Team mitlaufen lassen können. Positiv aufgefallen ist mir immerhin der Sicherheitsdienst vor Ort. Die jungen Leute waren sehr freundlich. Das ist gut, da die Security-Branche sonst oft rechts angehaucht ist oder Verbindungen in die Schutzgeldpressung hat. Dennoch wirkte dieser Schutzraum phasenweise wie ein Overkill. Ein Bekannter von mir kämpft seit dem russischen Angriff freiwillig an der Front im Donbass, während seine Frau mit dem Kind Schutz in Chemnitz gefunden hat. Wenn ich denen erzähle, wie sehr man sich auf so einem Treffen behütet, wirkt das völlig entkoppelt. Es wäre wertvoller gewesen, ukrainische Mütter einzuladen und ihnen zuzuhören.
Obwohl es beim Treffen vor allem um Care-Arbeit ging, fehlten die betroffenen Communities komplett. Ich habe keine einzige geflüchtete Frau gesehen – weder aus der ukrainischen noch aus der arabischsprachigen Community. Auf sie hätte man aktiv zugehen müssen. Stattdessen war es eine weiße, elitäre Akademiker-Veranstaltung. Bei der Podiumsdiskussion ging es vor allem darum, dass Gelder wegbrechen. Echte Lösungen gab es keine. Eine Vertreterin des Dresdner Bündnisses gegen Kürzungen berichtete treffend, dass selbst Gewerkschaften kaum noch reformierbar sind, weil sie so bürokratisch geworden sind. Anstatt neue Wege wie die Initiative „Nie mehr pleite und allein“ einzubinden oder über gemeinsames Wirtschaften zu sprechen, verharrt man im Klagen. Das gibt am Ende nur der rechten Hetze über steuerfinanzierte NGOs Vorschub.
Im Open Space habe ich die Idee einer feministischen Genossenschaft eingebracht. Die Reaktionen der Teilnehmenden waren durchweg ablehnend. Mir wurde abgesprochen, dass ein Cis-Mann so etwas initiieren könne, und ich solle gefälligst erst einmal Feminismus definieren. Ich habe mich dort eher diskriminiert als willkommen gefühlt. Bei Organisationen, die so lange bestehen, greift irgendwann das Peter-Prinzip. Nach 16 Jahren scheint der Zenit überschritten.
Das Konzeptwerk hat damals die erste internationale Degrowth-Konferenz mitorganisiert. Aber heute nutzt man Fachbegriffe wie „Postwachstum“, die niemand an der Basis versteht. Menschen, die ihren Job verlieren und Existenzangst haben, denken bei „Post“ an Social-Media-Posts oder die Deutsche Post. Sie werden mit dieser akademischen Sprache überhaupt nicht erreicht.
Das Konzeptwerk sitzt in Leipzig in der Klinge 22 in Plagwitz. Eigentlich wäre das die perfekte Voraussetzung für ein organisches Reallabor. Man müsste aufzeigen, wie Wirtschaften im Viertel praktisch funktioniert, welche Betriebe dort arbeiten und wie ein lokales Myzel aussieht. Stattdessen bleibt „Ökonomie“ ein reines abstraktes Konstrukt. Initiativen wie System Delta sind heute viel näher an den Menschen und den echten Problemen dran. Das Ablaufdatum der alten NGO-Blase ist bereits sichtbar.
