Thought #391: Die Staatsräson -- klassisches Beispiel für False Balance

Veröffentlicht am
October 8, 2026

Ich bin mit den Geschichten über die Gräuel des Faschismus aufgewachsen. Meine Mutter musste als Kind mitansehen, wie Menschen auf der Straße vor Hunger zusammenbrachen; mein Vater erzählte mir von der bestialischen Sadisterei der KZ-Kommandanten, von herausgebrochenem Zahngold und den Schrumpfköpfen jüdischer Häftlinge. Als ich mit 14 Jahren zwei Tage auf dem Gelände des KZ Buchenwald verbrachte, hat sich dieses Entsetzen tief in mein Gedächtnis eingebrannt: Die Deutschen hatten die Vernichtung von Menschenleben auf eine industriell-effiziente Stufe gehoben. Geprägt von Büchern wie Anna Seghers’ Das siebte Kreuz und Bruno Apitz’ Nackt unter Wölfen wurde mir früh klar, wie brüchig Zivilisation ist.  

Gleichzeitig lernte ich eine verstörende historische Lektion: Die „brav besorgten“ Bürger von Weimar beschwerten sich damals über die schlechte Luftqualität, weil die abgemagerten Körper in den Öfen von Buchenwald nicht richtig verbrannten. Nicht das Verbrechen empörte sie, sondern die Belästigung im eigenen Vorgarten. Genau deshalb hege ich ein tiefes Misstrauen gegenüber der sogenannten „bürgerlichen Mitte“: Sie ist oft bequem, konformistisch, rückgratlos und sieht nur sich selbst. Wenn der Faschismus zurückkehrt, wird die breite Mitte keinen Finger rühren.  

Dieses Wegsehen und Verbiegen erleben wir heute in der öffentlichen Debatte in einer neuen, medial aufbereiteten Form – einem klassischen Fall von False Balance und verfälschtem Diskurs:  

Wo bleibt das Mitgefühl für alle zivilen Opfer? Wo bleibt der Anstand einer aufgeklärten Gesellschaft, staatliche Gewalt klar als solche zu benennen, egal von wem sie ausgeht? Wer den Blick vor dem Leid in Gaza verschließt, verfällt genau jener Verlogenheit, die der bürgerlichen Mitte schon immer eigen war. Es ist Zeit, diese mediale False Balance aufzubrechen und die Dinge wieder beim Namen zu nennen.

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