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Wissenschaftliche Untersuchungen weisen immer deutlicher darauf hin, dass unser Gehirn in der modernen Welt an seine Belastungsgrenzen stößt. Eine im Fachjournal Behavioral Sciences veröffentlichte Übersichtsarbeit beschreibt dies als einen „evolutionären Mismatch“: Während unsere biologischen Netzwerke darauf ausgelegt sind, in überschaubaren Gemeinschaften von etwa 150 vertrauten Personen zu interagieren, navigieren wir heute durch eine hypervernetzte, globale Informationsflut. Unser Gehirn verarbeitet jede Nachricht über globale Krisen wie eine unmittelbare Bedrohung direkt vor unserer Haustür. Gepaart mit dem permanenten Vergleichsdruck sozialer Medien entsteht so ein Zustand chronischer Überforderung.
In dieser Situation suchen immer mehr Menschen Unterstützung bei einer Coachin. Die Coaching-Branche wächst kontinuierlich – und das aus gutem Grund. Viele Coachinnen leisten hervorragende Arbeit, indem sie ihren Klientinnen Räume zur Reflexion öffnen, ihnen praktische Werkzeuge zur Stressbewältigung an die Hand geben und emotionale Unterstützung in Krisen bieten.
Doch genau an dieser Stelle lohnt sich ein differenzierter Blick auf die Rolle, die Coaching in unserer Gesellschaft einnimmt.
Die Grenze verläuft dort, wo strukturelle Probleme zu rein persönlichen Defiziten umgedeutet werden. Wenn eine Klientin unter chronischer Erschöpfung, extremem Mental Load oder Burnout-Symptomen leidet, setzen viele gängige Methoden primär an der individuellen Stellschraube an: Resilienz-Trainings, optimiertes Zeitmanagement oder die Arbeit am eigenen „Mindset“.
Das ist im Einzelfall oft pragmatisch und hilfreich, greift strukturell jedoch zu kurz. Denn wenn der Fokus ausschließlich darauf gerichtet wird, wie sich eine Person noch besser an eine fordernde Umwelt anpassen kann, wird lediglich an den Symptomen kuriert. Es besteht die Gefahr, die Betroffenen schlicht wieder „funktionsfähig“ für Arbeitsbedingungen zu machen, die im Kern ungesund sind.
Natürlich ist es nicht die primäre Aufgabe einer Coachin, das Wirtschaftssystem umzugestalten oder im Alleingang eine gemeinwohlorientierte, nachhaltige und auf Daseinsvorsorge ausgelegte Ordnung zu etablieren. Das würde die Mandatierung und die tatsächlichen Möglichkeiten eines individuellen Beratungsprozesses überschreiten.
Es liegt jedoch sehr wohl in der Verantwortung einer professionellen Coachin, die strukturellen Ursachen von Belastung offen zu benennen.
Es gehört heute zum Standardrepertoire vieler weiblicher Coachinnen, ihren Klientinnen mantra-artig einzuschärfen: „Macht euch nicht kleiner, als ihr seid! Tretet selbstbewusster auf und fordert energischer ein, was euch zusteht!“ Dieser Ansatz ist völlig richtig und ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur individuellen Emanzipation.
Doch zu dieser Wahrheit gehört eine zweite, ebenso wichtige Verantwortung: Coachinnen müssen ihren Klientinnen auch zutrauen, sich an die großen Systemfragen heranzutrauen. Es greift zu kurz, Frauen zu ermutigen, lauter am Verhandlungstisch zu sprechen, ohne ihnen gleichzeitig zu erklären, wie dieser Tisch überhaupt gebaut wurde.
Es ist im Grunde gar nicht so kompliziert, die makroökonomische Architektur verständlich zu machen: Unser Wirtschaftssystem ist historisch stark hierarchisch und patriarchalisch geprägt. Es basiert in seinen Fundamenten noch immer auf den material- und energielastigen Schwerindustrien wie dem Stahl-, Maschinen- und Fahrzeugbau oder der Chemie. Das sind traditionelle Männerdomänen, deren Strukturen und ungeschriebene Gesetze im Kern zur Zeit Bismarcks entstanden. Wer das versteht, begreift sofort, warum die gläserne Decke kein persönliches Versagen ist, sondern ein historisch gewachsenes Bauteil dieses Systems.
Genau hier liegt die transformative Kraft für Frauen in der heutigen Zeit. Die moderne Wirtschaft verschiebt sich weg von der reinen Materialabhängigkeit. Frauen haben heute völlig neue Möglichkeiten, sich unabhängig von den alten, patriarchalischen Industrie-Strukturen zu vernetzen, auszutauschen und eigene, nicht-materialabhängige Produkte und Dienstleistungen zu erschaffen.
Wie ein solcher Weg in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel von Suna Tamboga im Startup-Fellowship „Gründerszene sucht die Supergründer“. Inspiriert von den Alltagsproblemen ihrer Eltern – dem Vater, der einen Handwerksbetrieb leitet, und der Mutter, einer Ärztin – baut die Studentin eine KI-gestützte App. Ihr Ziel: Das Kommunikationschaos zwischen Kundinnen und Handwerksbetrieben über einen intelligenten Chatbot zu lösen, quasi ein „Doctolib für Handwerker“.
Obwohl sie die Jüngste im Camp war und anfangs das Gefühl hatte, weniger Erfahrung oder technisches Hintergrundwissen als andere mitzubringen, ließ sie sich nicht entmutigen. Sie lernte im Prozess, verstand technische Begriffe wie „deployen“ oder „pushen“ und nutzte KI-Modelle wie Codex von OpenAI, um innerhalb von nur fünf Tagen einen ersten Prototyp zu validieren. Ihre Erkenntnis ist eine fundamentale Botschaft für jede Klientin: Man muss nicht auf dem technischen Niveau von Programmiererinnen sein, um innovative, digitale Lösungen zu erschaffen. Es reicht, genug zu verstehen, um strategisch zu steuern und Mehrwert zu stiften.
Dieses Aufbrechen alter Muster ist genau der Hebel, den modernes Coaching aktivieren muss. Besonders für Frauen, die sich in weniger privilegierten Lebenslagen oder am unteren Ende der sozialen Pyramide befinden, ist dieser Aspekt von zentraler Bedeutung. Unser gesellschaftliches Narrativ suggeriert ihnen permanent, sie seien selbst für ihre prekäre Situation verantwortlich:
Diese Individualisierung von strukturellen Barrieren verschweigt die Realität eines Wirtschaftssystems, das in vielen Bereichen auf der Ausnutzung von unbezahlter Care-Arbeit und prekärer Beschäftigung aufbaut.
Wenn eine Coachin diese Zusammenhänge ausblendet, bestärkt sie ungewollt das Gefühl der persönlichen Unzulänglichkeit. Benennt sie die Ursachen hingegen klar und deutlich, nimmt sie der Klientin die falsche Scham. Sobald eine Frau begreift: „Ich bin nicht fehlerhaft, sondern ich bewege mich in Strukturen, die historisch nicht für mich gemacht wurden“, verändert sich ihr Unterbewusstsein. Die lähmende Schuld verschwindet und macht Platz für strategische, selbstbestimmte Entscheidungen – sei es im Angestelltenverhältnis oder auf dem Weg zur eigenen Gründerin.
Ein zeitgemäßes und verantwortungsvolles Coaching sollte sich nicht darauf beschränken, Pflaster auf systemische Wunden zu kleben. Es darf die Augen vor den realen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Klientinnen nicht verschließen. Indem Coachinnen die individuelle Begleitung mit einem geschärften Bewusstsein für gesellschaftliche, historische und wirtschaftliche Strukturen verbinden, verhelfen sie ihren Klientinnen zu echter Selbstwirksamkeit – und zu einer spürbaren Befreiung von ungerechtfertigter Schuld.


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Wissenschaftliche Untersuchungen weisen immer deutlicher darauf hin, dass unser Gehirn in der modernen Welt an seine Belastungsgrenzen stößt. Eine im Fachjournal Behavioral Sciences veröffentlichte Übersichtsarbeit beschreibt dies als einen „evolutionären Mismatch“: Während unsere biologischen Netzwerke darauf ausgelegt sind, in überschaubaren Gemeinschaften von etwa 150 vertrauten Personen zu interagieren, navigieren wir heute durch eine hypervernetzte, globale Informationsflut. Unser Gehirn verarbeitet jede Nachricht über globale Krisen wie eine unmittelbare Bedrohung direkt vor unserer Haustür. Gepaart mit dem permanenten Vergleichsdruck sozialer Medien entsteht so ein Zustand chronischer Überforderung.
In dieser Situation suchen immer mehr Menschen Unterstützung bei einer Coachin. Die Coaching-Branche wächst kontinuierlich – und das aus gutem Grund. Viele Coachinnen leisten hervorragende Arbeit, indem sie ihren Klientinnen Räume zur Reflexion öffnen, ihnen praktische Werkzeuge zur Stressbewältigung an die Hand geben und emotionale Unterstützung in Krisen bieten.
Doch genau an dieser Stelle lohnt sich ein differenzierter Blick auf die Rolle, die Coaching in unserer Gesellschaft einnimmt.
Die Grenze verläuft dort, wo strukturelle Probleme zu rein persönlichen Defiziten umgedeutet werden. Wenn eine Klientin unter chronischer Erschöpfung, extremem Mental Load oder Burnout-Symptomen leidet, setzen viele gängige Methoden primär an der individuellen Stellschraube an: Resilienz-Trainings, optimiertes Zeitmanagement oder die Arbeit am eigenen „Mindset“.
Das ist im Einzelfall oft pragmatisch und hilfreich, greift strukturell jedoch zu kurz. Denn wenn der Fokus ausschließlich darauf gerichtet wird, wie sich eine Person noch besser an eine fordernde Umwelt anpassen kann, wird lediglich an den Symptomen kuriert. Es besteht die Gefahr, die Betroffenen schlicht wieder „funktionsfähig“ für Arbeitsbedingungen zu machen, die im Kern ungesund sind.
Natürlich ist es nicht die primäre Aufgabe einer Coachin, das Wirtschaftssystem umzugestalten oder im Alleingang eine gemeinwohlorientierte, nachhaltige und auf Daseinsvorsorge ausgelegte Ordnung zu etablieren. Das würde die Mandatierung und die tatsächlichen Möglichkeiten eines individuellen Beratungsprozesses überschreiten.
Es liegt jedoch sehr wohl in der Verantwortung einer professionellen Coachin, die strukturellen Ursachen von Belastung offen zu benennen.
Es gehört heute zum Standardrepertoire vieler weiblicher Coachinnen, ihren Klientinnen mantra-artig einzuschärfen: „Macht euch nicht kleiner, als ihr seid! Tretet selbstbewusster auf und fordert energischer ein, was euch zusteht!“ Dieser Ansatz ist völlig richtig und ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur individuellen Emanzipation.
Doch zu dieser Wahrheit gehört eine zweite, ebenso wichtige Verantwortung: Coachinnen müssen ihren Klientinnen auch zutrauen, sich an die großen Systemfragen heranzutrauen. Es greift zu kurz, Frauen zu ermutigen, lauter am Verhandlungstisch zu sprechen, ohne ihnen gleichzeitig zu erklären, wie dieser Tisch überhaupt gebaut wurde.
Es ist im Grunde gar nicht so kompliziert, die makroökonomische Architektur verständlich zu machen: Unser Wirtschaftssystem ist historisch stark hierarchisch und patriarchalisch geprägt. Es basiert in seinen Fundamenten noch immer auf den material- und energielastigen Schwerindustrien wie dem Stahl-, Maschinen- und Fahrzeugbau oder der Chemie. Das sind traditionelle Männerdomänen, deren Strukturen und ungeschriebene Gesetze im Kern zur Zeit Bismarcks entstanden. Wer das versteht, begreift sofort, warum die gläserne Decke kein persönliches Versagen ist, sondern ein historisch gewachsenes Bauteil dieses Systems.
Genau hier liegt die transformative Kraft für Frauen in der heutigen Zeit. Die moderne Wirtschaft verschiebt sich weg von der reinen Materialabhängigkeit. Frauen haben heute völlig neue Möglichkeiten, sich unabhängig von den alten, patriarchalischen Industrie-Strukturen zu vernetzen, auszutauschen und eigene, nicht-materialabhängige Produkte und Dienstleistungen zu erschaffen.
Wie ein solcher Weg in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel von Suna Tamboga im Startup-Fellowship „Gründerszene sucht die Supergründer“. Inspiriert von den Alltagsproblemen ihrer Eltern – dem Vater, der einen Handwerksbetrieb leitet, und der Mutter, einer Ärztin – baut die Studentin eine KI-gestützte App. Ihr Ziel: Das Kommunikationschaos zwischen Kundinnen und Handwerksbetrieben über einen intelligenten Chatbot zu lösen, quasi ein „Doctolib für Handwerker“.
Obwohl sie die Jüngste im Camp war und anfangs das Gefühl hatte, weniger Erfahrung oder technisches Hintergrundwissen als andere mitzubringen, ließ sie sich nicht entmutigen. Sie lernte im Prozess, verstand technische Begriffe wie „deployen“ oder „pushen“ und nutzte KI-Modelle wie Codex von OpenAI, um innerhalb von nur fünf Tagen einen ersten Prototyp zu validieren. Ihre Erkenntnis ist eine fundamentale Botschaft für jede Klientin: Man muss nicht auf dem technischen Niveau von Programmiererinnen sein, um innovative, digitale Lösungen zu erschaffen. Es reicht, genug zu verstehen, um strategisch zu steuern und Mehrwert zu stiften.
Dieses Aufbrechen alter Muster ist genau der Hebel, den modernes Coaching aktivieren muss. Besonders für Frauen, die sich in weniger privilegierten Lebenslagen oder am unteren Ende der sozialen Pyramide befinden, ist dieser Aspekt von zentraler Bedeutung. Unser gesellschaftliches Narrativ suggeriert ihnen permanent, sie seien selbst für ihre prekäre Situation verantwortlich:
Diese Individualisierung von strukturellen Barrieren verschweigt die Realität eines Wirtschaftssystems, das in vielen Bereichen auf der Ausnutzung von unbezahlter Care-Arbeit und prekärer Beschäftigung aufbaut.
Wenn eine Coachin diese Zusammenhänge ausblendet, bestärkt sie ungewollt das Gefühl der persönlichen Unzulänglichkeit. Benennt sie die Ursachen hingegen klar und deutlich, nimmt sie der Klientin die falsche Scham. Sobald eine Frau begreift: „Ich bin nicht fehlerhaft, sondern ich bewege mich in Strukturen, die historisch nicht für mich gemacht wurden“, verändert sich ihr Unterbewusstsein. Die lähmende Schuld verschwindet und macht Platz für strategische, selbstbestimmte Entscheidungen – sei es im Angestelltenverhältnis oder auf dem Weg zur eigenen Gründerin.
Ein zeitgemäßes und verantwortungsvolles Coaching sollte sich nicht darauf beschränken, Pflaster auf systemische Wunden zu kleben. Es darf die Augen vor den realen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Klientinnen nicht verschließen. Indem Coachinnen die individuelle Begleitung mit einem geschärften Bewusstsein für gesellschaftliche, historische und wirtschaftliche Strukturen verbinden, verhelfen sie ihren Klientinnen zu echter Selbstwirksamkeit – und zu einer spürbaren Befreiung von ungerechtfertigter Schuld.
